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Lesung: Queere Einsamkeit. Queere Gemeinschaft

10. September 2026

Auf seiner Lesereise kommt der Hamburger Autor Lennart Herberhold auch im Sub vorbei. Sein Werk berührt Fragen, die sich besonders queeren Menschen stellen. Samstag, 10. Oktober, 20 Uhr.

Wer bist du? Ein schwuler Mann um die 60, der auf Grindr nach ein bisschen Nähe sucht? Eine non-binäre Person Anfang 20, mitten im Coming-out? Lebst du in einer Kleinstadt, wo niemand wissen darf, dass du queer bist? Oder in einer Großstadt, wo alles geht – aber die Suche nach Liebe sehr frustrierend sein kann?

Queere Einsamkeit. Queere Gemeinschaft. Buchtitel aus dem Querverlag
Queere Einsamkeit. Queere Gemeinschaft. Buchtitel aus dem Querverlag

Egal, wer du bist: Mit seinem Buch “Queere Einsamkeit. Queere Gemeinschaft” will Lennart Herberhold alle queeren Menschen erreichen. Er nimmt seine Leser*innen mit auf eine Reise durch das queere Deutschland, erzählt von der Einsamkeit beim Online-Dating und vom Glück, in einer kleinen Stadt in Ostdeutschland einen CSD zu organisieren, zu dem Tausende Menschen aus der ganzen Republik kommen.

Lennart fragt, warum queere Menschen häufiger Einsamkeit erleben als die heterosexuelle Mehrheit. Er berichtet aber auch von den vielen Möglichkeiten, die LGBTIQ* haben, Gemeinschaft zu erleben: von der Kuschelparty bis zum queeren Wohnprojekt.

Einladung, ein Tabu zu durchbrechen

Das LGBTIQ*-Portal queer.de schreibt: “Lennart Herberhold gibt uns ein vielschichtiges, vor allem aber auch persönliches und berührendes Bild queerer Einsamkeit und Gemeinschaft.”

Im Sub wird Lennart Passagen aus seinem Buch vorlesen. Danach ist Zeit für Gespräche. Lennart betont: “Niemand muss sich emotional nackt machen und vor einem Kreis von Unbekannten von der eigenen Einsamkeit erzählen. Aber ich hab es bisher immer so erlebt, dass Leute froh sind, wenn sie auch ein bisschen über ihre Erfahrungen und Gefühle reden können.”

Interview

Vor der Lesung hatten wir Gelegenheit, mit Lennart über sein Buch zu sprechen.

Lennart, “Queere Einsamkeit. Queere Gemeinschaft.” Wie bist Du auf das Thema gekommen? Warum ist es Dir ein Anliegen?

Erstmal wollte ich einfach ein Buch über Einsamkeit schreiben, weil das Thema gerade überall diskutiert wurde. Die Pandemie war noch nicht lange her, und Isolation und Verlorenheit – das waren plötzlich für ganz viele von uns nicht mehr abstrakte Themen, sondern konkrete Erfahrungen, die viele auch verunsichert hat.

Ist es wichtig, darüber zu reden?

Einsamkeit ist in großes Tabu-Thema, niemand will das gerne von sich selbst sagen: ‘Ich fühle mich allein!’ Es ist mit Scham verbunden: Du bist sozial gescheitert. Du hast was falsch gemacht!

Dabei haben wir oft gar keinen Einfluss auf die Faktoren, die uns einsam machen. Wenn ich ein queeres Kind in einer queerfeindlichen Umgebung bin und mich einsam fühle, weil da niemand ist, mit dem ich reden kann: Das ist nicht meine Schuld.

“Es ist insgesamt einfacher geworden, ein queeres Coming-out zu haben. Aber wenn du ein schwuler trans*Junge in einer kleinen Stadt wie Trier bist, kannst du auch heute noch deutlich mehr Einsamkeit erleben als ein heterosexueller cis Mann im selben Alter.”

Lennart herberhold

Wenn ich ein alter queerer Mensch bin, der keine Familie gründen konnte, und jetzt ist die Hälfte meiner Freund*innen gestorben – auch das ist nicht meine Schuld. Es tut gut, mit anderen über dieses Gefühl namens Einsamkeit zu reden. Weil du merkst: Du bist nicht allein damit. 

Sind queere Menschen häufiger von Einsamkeit betroffen?

Die Frage hat mich in der Tat bewegt; ich wollte auch über ‘unsere Einsamkeit’ schreiben. Weil darüber wenig gesprochen wurde in der großen allgemeinen Einsamkeitsdebatte.

Zentral ist das Coming-out, denke ich. Immer noch. In meinem Buch erzähle ich von einem schwulen Wohnprojekt in Hamburg. Die Männer dort sind in den 1950ern und 1960ern groß geworden und haben noch eine ganz massive Queerfeindlichkeit erlebt. Der Paragraph 175 stand noch im Strafgesetzbuch.

Für ältere Queers gibt es auch das Problem, dass Familienstrukturen häufiger fehlen. Und es schwieriger war, überhaupt eine Partnerschaft zu finden. Ich hab lange Interviews mit Nora Eckert geführt, einer trans*Frau Anfang 70 in Berlin. Die hat erzählt, dass sich damals ganz viele Männer einfach nicht trauten, eine offene Beziehung mit ihr zu führen. Sie erinnerte sich an einen Mann, von dem sie sagte: ‘Der hätte mich eigentlich heiraten können. Aber das ging ja damals nicht.’ Das hat mich schon ziemlich melancholisch gemacht, das zu hören.

So ist es heute ja nicht mehr – auch wenn diese Gesellschaft gerade eine konservative Kehrtwende macht. Es ist insgesamt einfacher geworden, ein queeres Coming-out zu haben.

Eine Frage des Alters also?

Man muss immer aufpassen, nicht zu verallgemeinern. Wenn du ein schwuler trans*Junge in einer kleinen Stadt wie Trier bist – erstes Kapitel meines Buchs – dann kannst du auch heute noch deutlich mehr Einsamkeit erleben als ein heterosexueller cis Mann im selben Alter.

“Besessen ist vielleicht ein zu großes Wort, aber ich war sehr drin in den Geschichten. Und ich wollte, dass sie erzählt werden.”

Lennart Herberhold

Noch ein Punkt: Online Dating, Stichwort Grindr. Es gibt schon eine Tendenz bei schwulen Männern – und da nehme ich mich gar nicht aus -, sich mit schnellen Sex-Dates zu trösten, wenn man sich einsam fühlt. Da ist ja auch gar nichts gegen zu sagen. Aber du kannst dich auch verlieren in den Dating Apps. Und irgendwann brauchst du immer neue Bestätigungen: ‘Ich bin hot. Ich bin begehrenswert.’ Das reicht aber nie, um dieses Einsamkeitsgefühl loszuwerden. Es macht es eher noch schlimmer.

Gibt es in Deinem Werk auch autobiographische Motive?

Ja, ich erzähle auch von eigener Einsamkeit als schwuler Single Anfang 50. Ob das meine Chancen auf dem Dating-Markt erhöht – da bin ich mir nicht so sicher. Aber ich wollte nicht so tun, als ginge mich das Thema nichts an. Ich kenne Einsamkeit aus dem Coming-out in den 90ern im Saarland. Und ich kenne sie auch heute.

Wie aufwändig war die Arbeit für dieses sehr facettenreiche Buch, das sich der ganzen Vielfalt an queeren Lebensschicksalen und -entwürfen widmet?

Es war sehr aufwändig. Erstmal Leute zu finden, die überhaupt darüber reden wollen. Wie gesagt: Tabu-Thema. Viele wollten nur mit anderem Namen im Buch erscheinen.

“Es tut gut, sich klar zu machen: Ich bin nicht allein mit meiner Einsamkeit. Ich kann sie mit anderen teilen. Und: Es gibt auch Wege aus ihr heraus.”

Lennart Herberhold

Und dann war es eine Reise kreuz und quer durch Deutschland; manche Orte und Menschen habe ich gleich ein paar Mal besucht. Aber es war auch eine tolle Erfahrung: Ich hab gelernt, dass es queeres Leben wirklich überall gibt: In Metropolen wie Hamburg, München und in kleinen Städten wie zum Beispiel Bautzen in Sachsen. 

Wie bleibt man dran an einer solchen Mammutaufgabe?

Das Dranbleiben war nicht das Problem. Ich war – ‘Besessen’ ist vielleicht ein zu großes Wort, aber ich war sehr drin in den Geschichten. Und ich wollte, dass sie erzählt werden. 

Was glaubst Du, wird Dein Buch bei Deinen Leser:innen bewirken? Willst Du ihnen Hoffnung machen?

Ich hab schon von einigen Menschen Nachrichten auf Instagram und Mails bekommen: ‘Danke für dein Buch! Ich hab mich darin wiedererkannt.’

Auch bei den Lesungen geht es oft ziemlich emotional zu. “Queere Einsamkeit. Queere Gemeinschaft” ist kein Ratgeber. Ich kann dir nicht sagen, wie du deine eigene Einsamkeit los wirst. Denn Einsamkeit ist komplex; hängt von vielen inneren und äußeren Faktoren ab. Aber es tut gut, sich klar zu machen: Ich bin nicht allein mit meiner Einsamkeit. Ich kann sie mit anderen teilen. Und: Es gibt auch Wege aus ihr heraus.