Das Sub wird dieses Jahr 40 – soweit bekannt. Am Montag beginnen wir deshalb mit einer Reihe zur Geschichte des Schwul-Queeren Zentrums. Den Anfang macht Norbert Hauptfleisch, ein Mann der ersten Stunde. Am 20. April spricht er ab 19. 30 Uhr über die Anfänge des Vereins. Für den PrideGuide hat unser Kollege Conrad Breyer Norberts Geschichte aufgeschrieben.
Norbert weiß noch genau, wie das damals aussah. Der SchwuKK e.V. war gerade gegründet worden, hatte aber noch keine eigenen Räume. Man traf sich im Münchner Selbsthilfezentrum am Rande der Szene. In einem Anzeigenblättchen hatte er davon gelesen. Da stand: Café Szenenrand trifft sich freitags ab 15 Uhr in der Auenstraße 31 im Souterrain.
„Der Kellerraum war über zwei Meter hoch“, erinnert sich der heute Achtzigjährige. „An der provisorischen Theke standen Getränkekästen, da konnte man sich bedienen und spendete etwas in die Kasse. Die Leute saßen an Biertischen.“
Das Café Szenenrand suchte eigene Räume
Norbert war da schon eineinhalb Jahre in München; er kam aus Hamburg. In der bayerischen Landeshauptstadt hatte er als Copyright-Manager einen Job in einem großen Musikverlag gefunden und wollte jetzt Leute kennenlernen. Das war im Herbst 1987.

„Ich kam da rein, der Vorstand saß im Eck, am anderen Ende spielten sie Karten. Vor dem Raucherausgang übte eine Gruppe das Stück ‚Das Geheul‘ von Allen Ginsberg ein. Das war recht bunt.“
Norbert setzte sich zum Vorstand und kam bald ins Gespräch. „Die waren auf der Suche nach eigenen Räumen“, erzählt er. Und er beschloss, zu helfen. Der SchwuKK e.V. wollte ein Treffpunkt schaffen für die Schwulen der Stadt und deren Organisationen, die H.A.L.T., den Verein für Sexuelle Gleichberechtigung, die Rosa Freizeit etc. „So eine Art Wohnzimmer sollte das sein“, sagt Norbert. „Mit Kulturangebot!“
Ein erstes Zentrum: Sub, Infoladen für schwule Männer
In den folgenden Wochen fuhr er, mal allein, mal mit Freund*innen, auf seinem Rad das Glockenbachviertel ab, um mit nach einer Bleibe für den Verein zu suchen. Gleichzeitig war klar: Sie würden irgendwie Gelder für die Miete auftreiben müssen.
Jemand hatte die Idee, sich bei der Stadt um eine Förderung zu bewerben. Dafür brauchte man einen Antrag mit guten Projekten. Norbert hatte die Idee, eine Altengruppe zu gründen, wie er das mal in England gesehen hatte – für Schwule ab 40. Das waren „Die Altklugen“, aus denen 2002 über Umwege Gay & Gray werden sollte.

„Ich mochte das Sub wegen seiner Atmosphäre“, sagt Norbert. „Das war vom Alter her sehr gemischt, viel Studierende, auch Ältere. Wir waren 20 Leute; jeder kannte jeden. Es war familiär, intim, verbindlich, wie in einer WG; ich habe mich da von Anfang an sehr wohl gefühlt.“
Irgendwann klappte das mit dem eigenen Treffpunkt. Mit von der Stadt genehmigten Zuschüssen belegte der Verein 1988 die leerstehenden Räume der alten Aids-Hilfe in der Müllerstraße 44 und gründete ein erstes Zentrum, den „Sub, Infoladen für schwule Männer“. Damals ging man in die „Sub-Kultur“ und man wollte in Zeiten der Aids-Krise durchaus auch ’subversiv’ sein – daher der Name.
Der Infoladen war täglich geöffnet; er bot Beratung, Information, Bibliothek, Archiv, eine Gruppe für schwule Väter, überhaupt Gruppen für jedes Alter und ein Café. „Ein Kunststudent aus Bremen hatte die Theke gebaut“, erinnert sich Norbert. Es war ein bis dahin beispielloses Programm in der Münchner Szene. Im Kern besteht das Konzept bis heute.
Damals wurde der Grundstein für die Erfolgsgeschichte des Vereins gelegt. Bald war auch das Finanzielle geregelt: 1991 nahm die Stadt das Sub in die Regelförderung auf, 1995 wurde es als gemeinnützig anerkannt.

Gleichzeitig bemühte sich der Vorstand immer auch darum, eigene Mittel einzutreiben, so über das Café, die Mitgliedsbeiträge und Spenden natürlich. Es gab den Rosenmontagsball. 1991 kam das Hans-Sachs-Straßenfest dazu und in den Nuller Jahren die Magic Bar Tour durchs Szeneviertel.
Professionalisierung und Öffnung
Nach und nach professionalisierte sich der Verein. 1993 bekam das Sub eine erste (halbe) Stelle für das Anti-Gewalt-Projekt genehmigt, 1995 schoss das Land Gelder für die HIV-Prävention zu, 1997 folgte die Beratungsstelle.
Norbert war da nach einer längeren Pause bereits wieder aktiv dabei. Als Vorstand unterzeichnete er 1994 etwa den Mietvertrag für die Müllerstraße 43, in die das Sub nach einem halben Jahr Obdachlosigkeit zog. Aus der 38 musste man wegen Einsturzgefahr raus. Auch die Müllerstraße 44 davor war nur ein Übergangsquartier gewesen. Erst 2012 fand das Sub in der Müllerstraße 14 in städtischen Räumen eine dauerhafte Bleibe.
Für aktuelle Bedarfe hatte das Sub immer ein gutes Gespür. In den 2010er Jahren stieg man in die Beratung queerer Geflüchteter ein. Seit 2012 gibt es Deutschkonversationskurse, 2015 lancierten Ehrenamtliche das Mentoring-Programm Refugees@Sub.
Zuletzt kam 2021 eine Chemsex-Drogenberatung dazu. Heute beschäftigt das Sub mit seinen 461 Mitgliedern 17 Hauptamtliche.
Nach und nach öffnete sich der Verein für die gesamte LGBTIQ*-Community. 2019 entstand aus dem Anti-Gewalt-Projekt mithilfe einer Förderung des Freistaats die LGBTIQ*-Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt, Strong! 2023 wurde die Männer*-Akademie, die die Beratungsstelle 2013 ins Leben gerufen hatte, um eine Queer-Akademie erweitert.

Nicht zuletzt spiegelte sich bald auch im Namen wider, wie sehr sich das Sub verändert hatte. Aus dem Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum, wie der Verein bis heute offiziell heißt, wurde 2024 im Außenauftritt das Schwul-Queere Zentrum. So steht es auf dem Schild über dem Eingang in der Müllerstraße 14.
Klar war das für viele ältere schwule Männer erstmal eine Umstellung. „Die Anfänge waren rein schwul“, sagt Norbert „Dann kamen neue Gäste, Drag Queens, Puppys, neue Mitarbeiter*innen.“ Norbert findet diese Veränderungen aber gut. „Als älter werdender Mensch kannst du am Ende nur davon profitieren.“
Community Building und Politisierung
Das Sub hat sich stets als Safer Space für die Community verstanden. Queere Kultur spielt dabei bis heute eine Schlüsselrolle, als Ausdruck der Selbstbehauptung.
Auch sind in den Räumen des Vereins über die Jahre immer neue Selbsthilfe-, Freizeitgruppen und queere Initiativen entstanden: In den Anfangsjahren hatte die Rosa Liste ihre Postanschrift in der Müllerstraße 38. Aus einem Workshop ging im Jahr 2000 die LGBTIQ*-Jugendorganisation diversity München hervor, die seit 2007 ihr eigenes Zentrum hat.

Auch nach außen engagierte sich das Sub immer intensiver. Neben dem CSD organisiert der Verein seit 2014 die Demo zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Trans-Feindlichkeit IDaHoBIT mit. 2022 ging eine Petition für den queeren Aktionsplan raus, dessen erste Version die Staatsregierung inzwischen präsentiert hat. Über die Zeit hat sich das Sub so von einem „schwulen Wohnzimmer“ zum politischen Akteur für die gesamte queere Szene entwickelt.
„Für die Community ist das Sub heute eines der wichtigsten Sprachrohre in München neben diversity München, LesCommunity und Münchner Aids-Hilfe, das queere Belange gegenüber Politik und Stadtgesellschaft vertritt. Diese Stimme brauchen wir auch“, sagt Sub-Geschäftsführer Kai Kundrath.
40 Jahre Sub, 40 Jahre Ehrenamt
Bei alledem gilt: Ohne seine 180 Ehrenamtlichen wäre das Sub nicht das, was es heute ist. „Das ehrenamtliche Engagement ist eine der wesentlichen Stützen unserer Arbeit, mangels derer etwa der Café-Betrieb, die vielen Kultur-, Beratungs-, Selbsthilfe- und Freizeitangebote nicht bestehen könnten“, sagt Jörn Vogt. Als Sub-Vorstand ist er wie seine Kollegen Markus Fischer und Marcel Wiesner selbst ehrenamtlich tätig.
Inzwischen sind auch im Ehrenamt für das Sub beileibe nicht mehr nur schwule Männer* aktiv. Die Lehrerin Lena Höcht (u.) zum Beispiel kümmert sich als Mentorin um Geflüchtete. „Wir treffen uns im Sub oder im Bellevue di Monaco und dann lerne ich mit ihnen Deutsch.“ Seit fünf Jahren macht sie das.

Und Lena findet es wichtig, weil queere Geflüchtete häufig Mehrfachdiskriminierung erfahren. Sie will helfen und damit auch ein Zeichen setzen. „Es regt mich auf, wie die Politik mit Geflüchteten umgeht“, sagt sie.
Danielle Cravens (u.) stieß vor einem Jahr über die Freiwilligenmesse zum Sub. Die Künstlerin und Englisch-Nachhilfelehrerin macht regelmäßig Thekendienst im Sub: Sonntags bei Kaffee und Kuchen, manchmal übernimmt sie die Abendschicht am Wochenende, dann natürlich zu Halloween, auch mal Schulter an Schulter mit Lederkerlen. „Ich bin da ganz offen“, sagt sie und lacht.
Mit LGBTIQ* hat sie immer schon in Amerika viel zu tun gehabt, von wo sie kommt. Ein Onkel lebte mit HIV; in Texas hatte sie viele queere Freund*innen. „Ich war mit der Community immer in Berührung“, sagt sie, „obwohl ich selbst nicht Teil von ihr bin“.
Im Rahmen eines Austauschprogramms kam sie das erste Mal nach München, dann nochmal aus beruflichen Gründen; inzwischen ist sie hier verheiratet. In München, erklärt Danielle, könne sie frei leben. „Ich habe immer gedacht, ich bin zu viel für meine Umgebung. Im Sub aber kann ich sein, wie ich bin, und tue auch noch etwas Gutes.

„Man bekommt viel zurück“
Helfen, Heimat finden – auch für Norbert war das Sub immer ein „Ankerplatz“, wie er sagt. Norbert hat sich dort fast sein halbes Leben lang ehrenamtlich engagiert: Er war zweimal Vorstand, gründete neben der Alten- noch eine Bibliotheksgruppe, wechselte zum Theken-, dann Infodienst, schließlich zur Gruppe Öffentlichkeitsarbeit, wo er noch heute mitmacht. Er steht hinter Infotischen, gibt auch mal Führungen durchs Sub, assistiert bei der Rechtsberatung.
„Ich bin viel im Sub, das ist wie ein Stammtisch für mich. Ich habe schon in den Achtzigern viele Freunde fürs Leben dort gefunden. Und ich will mich nach wie vor engagieren. Ich fühle mich dem Sub tief verbunden.“




