Wer Menschen nahe steht, die beim Sex Drogen konsumieren, erlebt sich häufig als co-abhängig. Eine neue Selbsthilfegruppe für Chemsex-Angehörige im Sub bietet Raum für Austausch. Das Angebot startet im Oktober. Wir konnten vorab mit zwei Betroffenen sprechen; das ist das Interview mit Andreas.
Andreas, worum geht es in deinem Fall?
Ich komme aus einer langjährigen Beziehung mit einem Partner, der vor unserer Zeit regelmäßig konsumiert hat und über drei Jahre hinweg wöchentlich in seiner passiven Fistrolle unterwegs war. Als wir zusammenkamen, war unser Sexleben erst sehr intensiv, doch nach etwa vier Wochen brach es plötzlich ein. In dieser Phase hat er sich auch geoutet und zum ersten Mal offen über seine Vergangenheit gesprochen.
Ich habe sofort gesagt, dass Chems für mich in einer Beziehung nicht funktionieren und ich keinen Partner möchte, der sie braucht, um Nähe oder Sex zu erleben. Das kam aus Erfahrungen im Freundeskreis, wo ebenfalls konsumiert wurde, und aus der Angst, meinen Partner an dieses Umfeld zu verlieren. In Foren las ich viele Berichte über Menschen, die Freunde durch Chems verloren hatten, was meine Sorge verstärkte.
“Am Ende haben wir uns getrennt – und ich musste mir eingestehen, dass ich in eine Co-Abhängigkeit geraten war.”
Er wollte die Beziehung unbedingt und hat mir versichert, dass er das alles nicht mehr brauche. Erst später zeigte sich, wie tief er drin war und wie stark seine Trigger ihn beeinflusst haben. Seine sexuelle Unlust und mehrere Rückfälle in unserer gemeinsamen Wohnung führten zu einem Muster aus Angst, Misstrauen und Lügen. Am Ende haben wir uns getrennt – und ich musste mir eingestehen, dass ich in eine Co-Abhängigkeit geraten war.
Wie erlebst du die Situation des Betroffenen aus deiner Perspektive?
Für mich wirkte er oft hilflos und innerlich sehr unruhig. Ich hatte oft das Gefuehl, er sucht stark nach Geborgenheit, aber nicht nach der Art von Nähe, die man in einer Beziehung lebt.

Vermutlich ging es ihm eher um dieses extrem verstärkte Gefühl von Liebe und Zugehörigkeit, das er in seiner Chemsex-Gruppe erlebt hat. Die Gruppe hatte für ihn eine emotionale Bedeutung, was er auch oft verbalisiert hat.
Wie bist du bisher damit umgegangen?
Ich habe lange versucht zu verstehen, warum meine Liebe nicht gereicht hat und warum selbst starke emotionale Momente nichts verändert haben. Es gab oft den Wunsch, zurückzugehen und es noch einmal zu versuchen.
“Viele Menschen können mit dem Thema wenig anfangen, finden es eher verstörend, sogar abstoßend, was mir die Kommunikation sehr erschwert. “
Erst als ich für mich klar hatte, dass kein Partner ihm das geben kann, was Chems und die Gruppe ihm geben, konnte ich loslassen. Ich habe gemerkt, wie sehr ich gegen etwas angekämpft habe, das nicht in meiner Kontrolle lag. Gleichzeitig hat die ganze Erfahrung mein eigenes sexuelles Selbstvertrauen beschädigt und mich verunsichert.
Was hat das alles bei der betroffenen Person bewirkt?
Er sucht immer wieder Kontakt und möchte die Beziehung zurück. Gleichzeitig spüre ich, dass seine inneren Konflikte weiterhin da sind. Er stolpert zwischen den Welten.
Wie geht es dir heute damit?
Mein Sexualleben ist seitdem eingeschränkt, und ich fühle mich unsicherer als früher. Mir fehlt jemand, der das Thema wirklich versteht. Viele Menschen können damit wenig anfangen und finden das Thema eher verstörend, sogar abstoßend, was mir die Kommunikation sehr erschwert.
Warum denkst du, ein Angebot wie die Gruppe für Chemsex-Angehörige für dich nutzen zu wollen?
Ich würde gerne Menschen treffen, die Ähnliches erlebt haben. Ein Raum, in dem man ohne Scham über das sprechen kann, was man gesehen und erlebt hat. Der Austausch würde helfen, die eigene Geschichte besser zu sortieren und wieder mehr Sicherheit zu bekommen.




