Über das Thema Einvernehmlichkeit wird seit Jahren breit diskutiert. Robin Bauer, Professor für Soziale Arbeit an der DHBW Stuttgart, bringt eine queere Perspektive in die Debatte. Vortrag am 10. November, 19.30 Uhr.
Eines gleich vorweg: Die meiste Zeit mussten oder durften queere Menschen ihre Beziehungen, und was sie unter Konsens verstehen, selbst gestalten. Denn Vorbilder gab es keine.
Das tradierte Konzept von Einvernehmlichkeit basierte auf der Idee, dass ein (cis) Mann etwas von einer (cis) Frau will und sie entweder mitmacht oder ablehnt. Ein eigenständiges sexuelles Begehren von (cis) Frauen kam nicht vor, genauso wenig wie ein (cis) Mann, der nicht allzeit bereit war. Von diesen Geschlechterklischees waren und sind auch queere Menschen nicht frei.

Das prägte das Aushandeln von Einvernehmlichkeit in der queeren Community: So waren viele lesbische und trans* Kontexte traditionell feministisch geprägt und haben sich daher vergleichsweise früh kritisch mit Konsens befasst, insbesondere mit der Frage, wie mensch sich vor sexuellen Grenzverletzungen schützen kann.
Während in vielen schwulen Kontexten eher die Frage der grenzenlosen Lust im Vordergrund stand und die “Befreiung” der Sexualität teilweise wenig Spielraum für eine kritische Sicht auf die Frage der Aushandlung von Konsens zuließ.
Konsens und Männlichkeit
Der Soziologe Robin Bauer wird sich am 10. November im Rahmen der Männer*Queer-Akademie mit genau diesen spezifischen Blickwinkeln aus der LGBTIQ*-Community beschäftigen, wenn er ab 19.30 Uhr zum Thema spricht: “Lust auf Konsens? Queere Perspektiven auf die Aushandlung von Einvernehmlichkeit”. Sein Vortrag befasst sich mit der Frage, was Konsens überhaupt sein kann; er beschäftigt sich mit den Grenzen des Konzepts, den Unterschieden in der Herangehensweise innerhalb der queeren Community und das dann auch bezogen auf die Frage, welche Rolle Männlichkeit dabei spielt.
In der LGBTIQ*-Community hätten sich die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Thema inzwischen angenähert, beobachtet Bauer. “Ich denke, dass sich in den letzten Jahren die vormals schwulen, lesbischen und trans* Szenen teilweise unter dem Banner queer wieder stärker begegnen und gerade viele junge Menschen, die sich zu anderen Zeiten zum Beispiel vermutlich als schwul bezeichnet hätten, heute primär oder gleichzeitig als nichtbinär verstehen.“ Damit gehe eine neue Welle der Infragestellung von Geschlechternormen einher.

Hinzu komme der Effekt von #metoo, viralem Feminismus und einer neuen Kultur der Achtsamkeit. „Das alles führt dazu, dass sich queere Menschen über Geschlechteridentitäten und Grenzen innerhalb der Community hinweg stärker dafür interessieren, was Einvernehmlichkeit wirklich bedeutet und wie wir sie leben können.“
Aus Bauers Sicht hätten insbesondere der Feminismus, aber auch so manch sexuelle Nischenkultur wie die BDSM-Szene den größten, positiven Einfluss auf die Frage von Einvernehmlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten gehabt.
Gesamtgesellschaftlicher Diskurs prägt nach wie vor
Dennoch darf mensch sich keine Illusionen machen: Queersein allein führt bis heute nicht automatisch dazu, dass sich die Leute in sexuellen Beziehungen rücksichtsvoller und empathischer begegnen. Viele Herausforderungen beim Herstellen von Einvernehmlichkeit haben mehr mit problematischen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun als mit der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität.
Aktuell sind viele Diskussionen in queeren wie nicht-queeren Kontexten tatsächlich vergleichbar. Da geht es etwa darum, ob Einvernehmlichkeit besser funktioniert, wenn sie verbal und direkt ausgehandelt wird. Und ob „Nein heißt Nein“ nicht eher durch ein „Ja heißt Ja“ ersetzt werden müsste.





