Offener Brief gegen Abschiebeterminal

11. Juli 2026

Sub und LesCommunity lehnen das geplante Abschiebeterminal am Münchner Flughafen ab. In einem offenen Brief rufen die beiden Vereine Oberbürgermeister Dominik Krause sowie die Mitglieder des Aufsichtsrats des Münchner Flughafens dazu auf, die Menschenrechte zu achten.


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Krause, sehr geehrte Mitglieder des Aufsichtsrats,

der SUB e. V. – Schwul-Queeres Zentrum München und LesCommunity e.V. fordert Sie nachdrücklich auf, dem Bau und der Finanzierung des geplanten Abschiebeterminals am Flughafen München im Aufsichtsrat die Zustimmung zu verweigern.

Wir begrüßen die ausdrückliche Ankündigung von Oberbürgermeister Dominik Krause, gegen dieses Vorhaben zu stimmen. Als Aufsichtsrat eines Unternehmens, das sich in öffentlicher Hand befindet (Freistaat Bayern, Bundesrepublik Deutschland und Landeshauptstadt München), tragen Sie eine direkte Mitverantwortung dafür, dass die Infrastruktur des Flughafens nicht für Zwecke genutzt wird, die im Widerspruch zu menschenrechtlichen und völkerrechtlichen Standards stehen.

Pride bedeutet Schutz, nicht Abschiebung
Pride bedeutet Schutz, nicht Abschiebung

Als staatlich anerkannte und in der täglichen Praxis verankerte Fachträger begleiten wir seit vielen Jahren LGBTIQ*-Geflüchtete. Die Realität dieser Menschen zeichnet sich durch spezifische, hochgradig vulnerable Fluchtbiografien aus. Unsere Klient*innen fliehen vor:

  • Staatlicher und systemischer Verfolgung: Kriminalisierung von
    Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit in Herkunftsländern
  • Schweren Menschenrechtsverletzungen: Folter, willkürlicher
    Inhaftierung und gezielter sexualisierter Gewalt durch staatliche und nicht-staatliche Akteure.
  • Gesellschaftlicher Gewalt: Zwangsverheiratungen, sogenannten
    „Ehrenmorden“ und der Durchführung psychisch und physisch
    zerstörerischer „Konversionsmaßnahmen“.

Für diesen Personenkreis stellt eine Abschiebung keine reguläre Rückführung dar. Sie bedeutet die konkrete und messbare Gefahr für Leib, Leben und die persönliche Freiheit oder zwingt die Betroffenen in ein dauerhaftes, traumatisierendes Leben in der Illegalität und Verleugnung.

Rainbow Refugees beim IDAHOBIT 2026. Foto Mark Kamin
Rainbow Refugees beim IDAHOBIT 2026. Foto Mark Kamin


Aus unserer fachlichen Perspektive weisen wir auf folgende konkrete Problemfelder hin:

Verstoß gegen das Refoulement-Verbot und völkerrechtliche
Pflichten

Das völkerrechtliche Refoulement-Verbot (Verbot der Abschiebung in Folterstaaten nach Art. 3 EMRK und der Genfer Flüchtlingskonvention) verlangt eine lückenlose Einzelfallprüfung. Das geplante Terminal zielt jedoch auf eine auf hohen Durchsatz ausgelegte Abfertigung ab.

Bei einer Kapazität von bis zu 100 Abschiebungen pro Tag ist eine sorgfältige, qualifizierte Prüfung individueller Nachfluchtgründe oder plötzlicher Lageänderungen im Herkunftsland faktisch nicht mehr gewährleistet. Das Risiko von Fehlentscheidungen und damit einhergehenden schweren Menschenrechtsverletzungen steigt exponentiell.

Systemische Ausgrenzung aus dem Rechtssystem und
Abschiebungshaft

Die geplante Zusammenfassung von Ausreise- und Abschiebungsinfrastruktur direkt auf dem Flughafengelände isoliert Geflüchtete von der Zivilgesellschaft. Der Zugang zu unabhängiger Rechtsberatung, psychosozialer Unterstützung
durch Fachverbände und die Kontaktaufnahme zu spezialisierten
Beratungsstellen wie dem Sub e. V. oder LesCommunity e.V. werden durch restriktive Zugangskontrollen und die räumliche Trennung massiv erschwert oder unmöglich gemacht. Dies hebelt das Recht auf ein faires, rechtsstaatliches Verfahren aus.

Destruktive Auswirkungen auf Integration und Gesundheit

Bereits die Existenz und der forcierte Ausbau einer solchen Infrastruktur entfalten eine schädigende Vorwirkung. In unserer Beratung erleben wir, dass die permanente Angst vor einer unvorhergesehenen, beschleunigten Abschiebung zu schweren psychischen Dekompensationen und Retraumatisierungen führt.

Die Verunsicherung bewirkt, dass schutzbedürftige LGBTIQ*-Geflüchtete aus Angst vor behördlicher Erfassung notwendige medizinische Behandlungen abbrechen, psychotherapeutische Hilfe meiden und aus stabilen Bildungs- und Arbeitsverhältnissen gedrängt werden. Dies konterkariert jegliche kommunale Integrationsarbeit der Landeshauptstadt München.

Institutionalisierung eines diskriminierenden Vollzugs

Das Terminal ist keine neutrale Logistikmaßnahme. Es ist das bauliche Fundament für eine verschärfte Abschiebungspraxis, die vulnerable Gruppen systematisch benachteiligt. Da LGBTIQ*-Fluchtgründe in Asylverfahren ohnehin oft eine sehr hohe Hürde an die Beweisführung stellen, führen die Beschleunigung und Massenabwicklung in einem Spezialterminal dazu, dass
diese sensiblen Fluchtursachen im Verfahren schlichtweg übersehen oder übergangen werden.

Der Flughafen München darf nicht zum Drehkreuz für die systematische Verletzung von Menschenrechten und die Gefährdung schutzbedürftiger Minderheiten werden. Wir fordern die Mitglieder des Aufsichtsrats daher auf, ihrer menschenrechtlichen Verantwortung gerecht zu werden, die
ökonomischen und logistischen Interessen der Flughafen München GmbH hinter den Schutz von Menschenleben zurückzustellen und dem Bau des Abschiebeterminals folgerichtig die Zustimmung zu versagen.

Mit freundlichen Grüßen

SUB e.V. – Schwul-Queeres Zentrum München
LesCommunity e.V. München